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Das vierdimensionale Feld – #Nietzsche, #Jung und die #Illusion des fertigen Menschen
#Gütersloh, 19. Juni 2026
Eine der folgenreichsten Gewohnheiten des menschlichen Denkens besteht darin, aus Prozessen Dinge zu machen. Der Philosoph nennt dies #Hypostase. Aus Bewegung wird ein Zustand, aus Entwicklung wird eine Eigenschaft, sus einem Verb wird ein Substantiv. So entstehen Begriffe wie »#Übermensch«, »#Individuierter«, »#Erleuchtetee«, »#Geheilter«.
Doch vielleicht liegt genau hier ein Denkfehler.
Nietzsche und das Missverständnis des »Übermenschen«
Kaum ein Begriff wurde so missverstanden wie Friedrich Nietzsches »Übermensch«. Viele Leser verstehen darunter einen besonderen Menschentypus. Einen Menschen, der über den gewöhnlichen Menschen hinausgewachsen ist. Eine Art geistige Elite. Doch liest man Nietzsche genauer, fällt auf, dass er nur selten Menschen klassifiziert. Viel häufiger beschreibt er #Denkweisen, #Wertbildungsprozesse und psychologische #Dynamiken.
Seine berühmten Begriffe »#Herrenmoral« und »#Sklavenmoral« erscheinen bei näherer Betrachtung weniger als Menschentypen denn als unterschiedliche Arten, die Welt zu bewerten.
Die Herrenmoral fragt: Was bejahe ich? Die Sklavenmoral fragt: Was lehne ich ab?
Der eigentliche Gegner Nietzsches ist nicht der »Sklave«. Es ist das #Ressentiment. Die dauerhafte psychische Fixierung auf einen Gegner, einen Feind, eine Kränkung oder eine Ungerechtigkeit. Doch auch hier lauert bereits die Gefahr der Hypostase. Aus der #Sklavenmoral wird »Der Sklave«. Aus der #Herrenmoral wird »Der Herr«. Aus dem Überwinden wird »Der Übermensch«. Der Prozess wird zum Ding. Diese Lesart ist irreführend und lässt zu Missverständnissen und Missbrauch ein.
Jung und die Dynamik des Schattens
Carl Gustav Jung geht einen anderen Weg. Auch er interessiert sich für die dunklen Seiten des Menschen. Doch wo Nietzsche vom Ressentiment spricht, spricht Jung von »#Projektionen« und »#Schatten«. Der Schatten besteht aus jenen psychischen Anteilen, die wir nicht wahrhaben wollen. Sie verschwinden dadurch nicht. Sie werden lediglich nach außen verlagert. Der andere wird zum Träger dessen, was wir in uns selbst nicht erkennen wollen.
#Neid. #Aggression. #Machtstreben. #Eitelkeit. #Kränkung. Hier berühren sich Nietzsche und Jung. Das Ressentiment könnte als moralisierte Form der Schattenprojektion verstanden werden. Nichtintegrierte Schatten werden zu Feindbildern. Feindbilder werden zu moralischen Urteilen. Moralische Urteile werden zu Ressentiments.
Doch auch Jung ist nicht völlig frei von der Gefahr der #Hypostase. Aus der #Individuation wird schnell »Der Individuierte«. Aus dem Prozess wird ein Zustand. Aus einer Fähigkeit wird ein Titel.
Man könnte sich die absurde Szene vorstellen: »Herzlichen Glückwunsch. Sie sind jetzt individuiert.« Der Patient verlässt die Praxis schwebend. Doch weder Nietzsche noch Jung waren vermutlich so naiv.
Das Problem des »fertigen Menschen«
Sehr wahrscheinlich gibt es weder »den« Übermenschen noch »den« Individuierten. Vielleicht gibt es lediglich Menschen, die sich zeitweise in bestimmten psychischen Konfigurationen befinden. Denn niemand ist ausschließlich Herr. Niemand ist ausschließlich Sklave. Niemand ist ausschließlich Projektion. Niemand ist ausschließlich Integration. Niemand ist ausschließlich Schatten. Und vermutlich ist auch niemand ausschließlich Licht.
Jeder Mensch enthält all diese Möglichkeiten gleichzeitig.
Das vierdimensionale Feld
Statt von Menschentypen könnte man daher von einem Feld sprechen.
Dieses Feld besitzt 3 psychologische Dimensionen …
Sklavenmoral
Herrenmoral
Übermoral
Die »#Übermoral« ist dabei keine »höhere« #Moral im Sinne von #Moralismus. Sie beschreibt die Fähigkeit zur #Selbstbeobachtung, #Schattenintegration und #Reflexion der eigenen #Werturteile. Sie ist gewissermaßen die #Metaebene der Moral. Doch auch die Übermoral ist keine Endstufe.
Zu wenig »Übermoral« führt zu Projektion. Zu viel »Übermoral« kann in #Selbstanalyse, #Relativismus und #Handlungsunfähigkeit münden (heute gerne unter dem Begriff »#Overthinking« subsumiert.
Sie ist eine Kraft unter anderen Kräften.
Hinzu kommt die 4. Dimension: die Zeit. Denn Menschen sind keine Punkte. Menschen sind Trajektorien. Sie bewegen sich durch dieses Feld.
Die Superposition der Psyche
Noch radikaler könnte man sagen: Die #Psyche befindet sich niemals an einem einzigen Punkt. Sie existiert in einer Art psychologischer »#Superposition«. Mehrere Zustände sind gleichzeitig aktiv.
Wir können zugleich …
lieben und hassen
vergeben und verletzt sein
mutig und ängstlich sein
herrschend und unterwürfig sein
reflektiert und blind sein
Die Psyche ist kein Punkt, sondern ein Muster. Eine Dynamik. Eine Überlagerung von Möglichkeiten.
Die #Tugend der #Beweglichkeit
In einem solchen Modell gibt es keine endgültige Heilung. Keine endgültige Individuation. Keine endgültige Überwindung des Ressentiments. Die eigentliche Tugend besteht nicht in der Ankunft, sondern in der Beweglichkeit. Ressentiment ist dann keine Position im Feld, sondern eine Fixierung, Verengung oder Erstarrung.
Die Psyche verliert ihre Freiheitsgrade. Sie kollabiert auf eine einzige Perspektive. Die Integration des Schattens bedeutet nicht dessen Verschwinden. Sie bedeutet die Wiedergewinnung von Beweglichkeit.
Gegen die Hypostase
Die Natur kennt hauptsächlich Prozesse. Der Mensch erfindet Substantive. Wir sprechen vom »Übermenschen«, vom »Individuierten«, vom »#Selbst«, vom »Schatten«, als wären es Dinge. Doch vielleicht sind sie keine Dinge. Vielleicht sind sie Bewegungen. Vielleicht besteht Weisheit nicht darin, etwas zu werden. Sondern darin, zu erkennen, dass man immer schon unterwegs ist.
Nicht als Herr. Nicht als Sklave. Nicht als »Übermensch«. Sondern als eine zeitabhängige Superposition psychischer Zustände in einem vierdimensionalen Feld. Das wäre keine Philosophie der Vollendung. Sondern eine Philosophie des Werdens.
#NOW #KWS #ROSA #OWL #GT #GGC #GOGREENCHALLENGE #VISITGÜTERSLOH #VISITGT #NIEWIEDERISTJETZT
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